Letzte Woche beschloss ich eine nachmittägliche Straßenbahnspazierfahrt den Ring entlang zu machen. Ich bestieg die kaiserliche Linie 1 am Schottenring und war in Richtung Börse unterwegs. Dieser imposante Bau war ein Werk von Theophil Hansen, das 1877 eröffnet wurde. Einem Kaiserreich angemessen! Die vielen Gänge, die Arkaden und der schöne Innenhof. Beeindruckend auch der Zentrale Börsensaal mit reichem Dekor. Die Dimensionen von 56,5m Länge, 25m Breite und 22m(!) Höhe sind ja enorm! Darin erfüllten sich Schicksale des Bullen- und Bärenmarktes! Der „schwarze Dienstag“, der 24. Oktober 1929, vernichtete viele Existenzen. Innerhalb weniger Tage verkauften amerikanische Investoren drei Millionen Aktien und das hatte natürlich einen disaströsen Wertverfall zu Folge, selbstverständlich auch in Wien. Börsianer erinnern sich heute noch, natürlich durch Erzählungen und Dokumente belegt, an diesen schrecklichen Tag.

1956 fiel ein Teil des Gebäudes einem Brand zum Opfer, so u.a. der grosse Wertpapierbörsensaal im Erdgeschoss. Er wurde nicht wieder restauriert, sondern wurde zu einem schönen Innenhof umfunktioniert, der seit einiger Zeit allgemein zugänglich ist. Nur, das weiß fast niemand und daher ist er eher verlassen! 

Die Börsengeschäfte werden übrigens nicht mehr in diesem Gebäude abgewickelt, sondern  in der Wallnerstrasse! Viele Firmen mit großen Namen „residieren“ inzwischen darin. Ist doch eine tolle Adresse!

Weiter setze ich meine Rundfahrt per Tram zum Schottentor fort; rechter Hand erscheint die Votivkirche. Aber nicht nur die seit Langem schon mit appetitlichen riesigen Palmers – Reklamen versehenen Fassaden dieses historienschweren Gotteshauses, sehe ich nach der Kurve die Wiener Universität, 1365 gegründet, die damit wirbt, dass dort  science, aber keine fiction vermittelt wird – wie aufregend, aber ob das wahr ist? Die Büsten der WissenschaftlerInnen, die aus dieser „seinerzeit“ in ganz Europa berühmten Universität hervorgegangen sind, auch die der Mitglieder des „Wiener Kreises“, -vielfach jüdischen Glaubens – in der Arkadenhalle bezeugen, dass man sehr wohl (Zukunfts)visionen hatte und hat. Frauen sind sehr wenige vertreten, denn sie hatten nicht selbstverständlich und nur durch Hartnäckigkeit erkämpften Zutritt zur Wissenschaft. Ingeborg Bachmann findet sich aber auch in diesem erlesenen Kreis. Ebenso hat Maria von Ebner Eschenbach eine Tafel mit einer Inschrift – kein Relief, keine Lebenszahlen. Ich muss feststellen, dass Wissenschaftlerinnen stiefmütterlich dargestellt sind – ich habe noch zwei in Form von Hologrammen auf Stelen gefunden und eine mit einem Foto an der Wand erwähnt – wirklich skandalös!

Dass der Österreicher Meister der Verdrängung ist gehört irgendwie dazu, die Traumdeutungen eines gewissen Dr. Freud ebenfalls…..

Der nächste Halt ist dann vor dem Österreichischen Burgtheater, das der bekannte bundesdeutsche Theaterregisseur Klaus Peymann in den 90-er Jahren versucht hat in ein deutsches Provinztheater zu verwandeln und kläglich gescheitert ist! Er hat nämlich seine bewährten, aber deutschen Schauspieler*innen aus Berlin mitgebracht. Er ist fast um den Verstand gekommen vor lauter Ärger, so hat man ihn hier angefeindet und ihm zu verstehen gegeben, dass wir im Land selbst sehr wohl ausgezeichnete Schauspieler*innen hätten, ja sogar Kammerschauspieler*innen, auch wenn sie u.U. nur einmal im Jahr an der Burg spielen, sie voll zu bezahlen können wir uns allemal leisten, jawohl! Herr Peymann hat dann beschlossen vor so viel Dilletantismus das Feld zu räumen, nicht ohne Hass- und Schimpftiraden auf die hiesigen Zustände, versteht sich. Im Moment seiner Kapitulation aber wurde er auf einmal von den Wiener*innen als genial erkannt und auch er streute diesen wieder Rosen. Somit blieb er noch eine Weile  und richtet auch jetzt noch hin und wieder ein Gastspiel aus. Wien bleibt eben Wien und das kann man ruhig als Drohung verstehen! Seine späte Zusammenarbeit mit Thomas Bernhard war geradezu kongenial, obwohl Letzterer dann verfügt hat, dass nach seinem Tod keines seiner Stücke je in Österreich aufgeführt werden dürfe, weil die Österreicher*innen einfach zu spiessig seien, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen. Peymann wusste ihn (postmortal) zu nehmen und heute gehören von ihm inszenierte Bernhardstücke zu den Gustostückerln der Theaterwelt.

Mein Blick schweift auf die Gegenseite, zum Rathaus. Der Rathausmann winkt mir vom Turm herunter und will mir zu verstehen geben wann der amtierende Bürgermeister abzutreten gedenke – die Luft im Haus ist bereits zum schneiden. Man soll aber nicht von den wirklich wichtigen Dingen ablenken – vom Eislaufplatz vor dem wunderschönen neugotischen Gebäude, für das uns viele ausländische Gäste beneiden. Glatteis dürfte sich aber auch zeitweise im Rathaus gebildet haben und so sollen schon Einige ausgerutscht sein.

Weiter geht die Fahrt und es eröffnet sich einem linkerhand der Volksgarten. Es ist einer der schönsten Parks Wiens mit im Sommer überbordenden Rosenbüschen und erst der Duft dieser wunderbaren Geschöpfe! Man kann bei der Bundesgartengesellschaft eine Patenschaft für einen Rosenstrauch erwerben, ihn hier einpflanzen lassen und ihn jemandem widmen – ob tot oder lebendig! Die Täfelchen davor verraten Verehrung, ewige Liebe oder ein Andenken. Peymann hat übrigens dort auch einen gewidmeten Strauch! Ob er sich den vielleicht selbst gekauft hat?

Bekannt ist ja, dass von der Hofburg ein unterirdischer Gang ins Burgtheater führt, damit die kaiserlichen Gäste sich nicht dem Volk zeigen mussten. Erst in der Kaiserloge bekam man sie zu Gesicht. Die Besucher*innen erhoben sich beim Erscheinen der Durchlauchten und es erklang die Kaiserhymne von Haydn, die sich nach dem Krieg die deutsche Bundesrepublik angeeignet hat, d. h. die Melodie, denn der Text „Gott beschütze unsern Kaiser…“ passte ja hier wie dort nicht mehr. Geklatscht durfte nach den Aufführungen auch nicht werden. Diese Tradition ist aber inzwischen abgeschafft.

Rechts entlang der Strecke kommt man zum Parlament. Ach, das Parlament! Ja, das ist für die nächsten paar Jahre eine riesige Baustelle, denn das Prachtgebäude, erbaut von Theophil Hansen, ist auch in die Jahre gekommen und wird renoviert und modernisiert. Der derzeitige Zustand ist aber auch ein Symbol, denn die gegenwärtigen Tätigkeiten der Parlamentarier*innen sind wie auf einer Baustelle: Es wird geplant, diskutiert, betoniert, gemauert und gefeilt. Die Statue der Göttin der Weisheit – Pallas Athene – steht vor dem Gebäude und ich bilde mir ein beobachtet zu haben wie sie ob der derzeitigen österreichischen Politik jetzt schon recht oft ihr mit einem goldenen Helm verziertes Haupt ungläubig schüttelt.

Schräg vis a´ vis auf dem Heldenplatz ist eine Riesenbaracke, ein Container, wo bis zur Bezugsfertigkeit des Parlaments unsere Politiker*innen tagen. Ich finde, dass eigentlich eine solche Repräsentanz völlig genügt, denn die teils engstirnigen, eitlen und oft inkompetenten Vertreter*innen des Volkes sind dort gut genug aufgehoben. Das Parlament selbst könnte man ja in ein Museum verwandeln oder in ein weiteres Luxushotel, jedenfalls einem verheissungsvollen Zweck zuführen. Bemerkenswert sind auch die außen um den dunklen Kubus des Behelfsbaus herum angebrachte Lettern, die den Text der Menschenrechtcharta abbilden.  Schön! -theoretisch- weil wenn ich an Morea oder Kara Tepe denke…..

Um am Ring zu bleiben: Rechter Hand kommen die zwei „Elefanten“ der Kultur – das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museums in Sicht! Wieviel Geschichte und Genialiät der Sammlertätigkeit der Monarchie als Auftraggeber in diesen zwei Monumentalbauten verborgen ist, erschließt sich nicht jedermann, die oder der sie besucht. Im KHM die unvorstellbar reiche Gemälde- und Skulpturensammlung, das ägyptische Kabinett, die Nachbildung von Ephesos, die riesige Münzsammlung oder gar das Kunstkabinett – es macht einen sprachlos. Gegenüber im Naturhistorischen Museum die Meteoritensammlung, die Dinosaurier, denen Kinder nicht immer ganz trauen, weil diese sich bewegen, schnauben und so echt wirken. Man selbst fühlt sich in die Kindheit versetzt vor lauter Staunen, auch als Erwachsener. Die Artefakte sind auf Expeditionen vor allem auch vom Kronprinzen Franz Ferdinand sowie auf der Weltumsegelung der Novara von wissenschaftlichen Expert*innen „requirierte“ Pflanzen und Tiere „nach Hause“ geholt worden. Dass dabei auch unentbehrliche Kultgegenstände der verschiedenen Völker und Stämme  um einen Spott gekauft oder einfach entwendet wurden ist heute Gegenstand von Restitutionskonferenzen betroffener Museen und einschlägigen Institutionen. Sie sind damit konfrontiert, dass die nachweisbare schändliche Missachtung fremder Kulturen geschehen ist und die Objekte zurückgegeben werden müssen, auch Schrumpfköpfe waren dabei, die aber aus ethischen Gründen nicht mehr ausgestellt werden dürfen. 

Die unter der Kaiserzeit Maximilians requirierte Federkrone – ein Symbol der Stärke und Macht der mexikanischen Stammesführer ist trotz Ansuchens  um Rückführung immer noch in Wien! Sie ist zu besichtigen im Weltmuseum, das zu besuchen sehr zu empfehlen ist! Es befindet sich im äußeren Trakt der Hofburg und hat immer tolle Spezialausstellungen, wobei aber bei jedem Objekt die Frage aufgeworfen wird, ob es freiwillig und unter welchen Umständen es nach Wien gelangt ist. Ein erster Anfang dem Kolonialgedanken kritisch gegenüberzustehen! Österreich hatte zwar keine Kolonien – es wurden nur umliegende Länder annektiert, erheiratet oder einverleibt, und von Fernreisen wollte man der österreichischen Bevölkerung und vor allem dem Kaiser den Erfolg der Reisen dokumentieren.

Der nächste Blick über den Ring geht in den Burggarten, dem ehemaligen Privatgarten der Regenten, der erst nach dem Ende der Monarchie  für das Volk geöffnet wurde. Etwas weiter im Hintergrund prangt das Palmenhaus, ein Jugendstilbau aus Eisen und Glas mit einer Schmetterlingssammlung darin. Vormals war es ein Glashaus, in dem neu aquirierte Gewächse vor allem aus Asien und Amerika ausgepflanzt waren.

Gewundert hat mich die Aufschrift: „Hunde und andere Tiere im Burggarten nicht erlaubt!“ Und jetzt? Jetzt grasen in der an wärmeren Tagen friedlich Lipizzaner darin um aus den Stallungen an die frische Luft zu kommen. Es sind doch nicht Alle gleich! Bis vor einigen Jahren war es kategorisch und bei Strafe verboten die Rasenflächen zu betreten – und jetzt? Jetzt räckelt sich Jung und Alt genau hier! Die Zeiten haben sich geändert und der Kaiser sieht wohlwollend auf seine zufriedenen Völker herab…..

Bei der nächsten Station kommen wir zum Herzstück der Ringstrasse: Zur Oper! Es ist sozusagen ein Identitätsmerkmal der Wiener*innen! Auch wenn man keine Aufführungen besucht ist es ein Ort, auf den man in  Wien stolz ist! Es ist der Gipfel der Opernkultur mit den besten Sängern aus der ganzen Welt, den besten Balletttänzer*innen, die hier ehrgeizigst ihr Bestes geben um in ihrer Biographie dieses Haus erwähnt zu wissen. Die, die Aufführungen geniessen, sind aber ein sehr kritisches und oft auch fachkundiges Publikum! Man sollte glauben, dass es ca. zwei Millionen Musikexpert*innen gibt, die die Qualität beurteilen können. So lesen sich zumindest die Kritiken in den Zeitungen. Als im Jahre 1945, kurz vor Kriegsende, das Gebäude – aus Versehen – schwer getroffen wurde, tat das jedem aufrechten Wiener in der Seele sehr weh! Erst 1955 mit der Aufführung der Beethovenoper „Fidelio“,  die österreichische Künstler aus tiefstem Herzen vortrugen, feierte man die Freiheit des Landes und es war der verwundeten Seele etwas Genüge getan! Jedenfalls sind die Wiener*innen enthusiastisch was Ihre Staatsoper anlangt: Sie stellten sich, als es noch kein Internet gab, ab fünf Uhr in der Früh um Karten an (manche übernachteten dort gleich in Schlafsäcken), ob Sommers oder Winters, ob bei Regen, Schnee oder Wind…. Weiters wenn ich an manche Aufführungen denke, nach denen der Applaus nicht enden wollte (ich selbst habe eine Aufführung der „Boheme“ mit Jose´ Carreras erlebt, wo ich 42 Vorhänge zählte) muss man einen solchen Einsatz ja wohl fanatisch, ja opernnarrisch nennen!