Als ich die Bezeichnung „Wiener Cottage“ das erste Mal hörte – die Worte wurden mit feinstem Londoner Akzent ausgesprochen – dachte ich, „Ah, das ist ein Teil von Wien in der ehemaligen englischen Besatzungszone, in dem die englische Kultur des Wohnens Tradition hat.“ In meinem Kopf entstand ein Bild mit kleinen Backsteinhäusern, hübschen Vorgärten, keinen Vorhängen vor den Fenstern, … ein Bild, wie man es kennt von den Straßen der typischen Gartenstädte in England.

Heute weiß ich, DAS EINE „Wiener Cottage-Viertel“ gibt es nicht. Die Bezeichnung nehmen gleich mehrere Bezirke für sich in Anspruch, um eine bestimmte vornehme Wohngegend zu charakterisieren. Meist sind Teile der Bezirke Döbling und Währing gemeint, wenngleich auch Hietzing und Lainz ein „Kotèesch-Viertel“ für sich reklamieren. Und nicht zu vergessen, das „Kóttetsch-Viertel“ im Prater.

Damit sind wir schon bei einer weiteren Besonderheit dieser Viertel. Die klassische englische Aussprache des Wortes „Cottage“ wird selten gehört in Wien. Warum? Weil der typische Wiener zu wenig vertraut ist mit der englischen Aussprache? Oder mutet die englische Aussprache zu wenig nobel an? Was auch immer der Grund ist, von der feinsten englischen Aussprache wurde der Begriff im Lauf der Jahre ins Wienerische „eingedeutscht“. Dies kann als der beste Beweis angesehen werden, dass das Wiener Cottage ein fixer Bestandteil der Stadt geworden ist. Und eingedeutscht klingt in Wien selten deutsch. In gut wienerischem Englisch heißt das Viertel nun „Kóttetsch-Viertel“ oder das „Kóttetsch“. Wer das Vornehme dieser Wohngegend besonders hervorstreichen möchte, der bedient sich eines leicht französischen Akzents und sagt „Wiener Kotèesch“ (am besten mit langgezogenen drei „e“ und leicht nasaler Betonung!).

Wie die Bezeichnung „Cottage“ schon vermuten lässt, dienten die englischen Gartenstädte als Vorbild für diese Wiener Wohnviertel. Meist waren es Einfamilien- oder Zweifamilienhäuser, die gebaut wurden. Es waren einfache und später auch betuchte Bürger, die den großen Zinskasernen entfliehen wollten und sich hier ab ca. 1870 niederließen. Sie wollten mit ihren Familien in ihren eigenen vier Wänden mit grünem „Wohnzimmer“ leben, ohne von Industrie- oder allzu großen Gewerbeanlagen in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt zu werden. Für einige wohlhabende Familien war es auch nur die Sommerresidenz, die hier entstand. Insbesondere im Sommer entfloh man gern der Stadt und zog aufs nahe Land.

Währinger und Döblinger „Kotèesch“

Am bekanntesten ist das Viertel im 18. und 19. Bezirk. Man findet es nördlich des Währinger Parks, unweit der Universität für Bodenkultur und des Türkenschanzparks. Es ist nicht nur eine begehrte Wohngegend, es ist für viele das schönste Villenviertel Wiens. Meiner ehemaligen Nachbarin zufolge, die es liebte, zu Fuß durch ihre Wiener Stadt zu streifen, wurde für die Planung und Durchführung der Bauten eigens ein Verein gegründet, der Wiener Cottage-Verein, der teilweise unter Mitwirkung sehr bekannter Architekten und Baumeister mehr als 300 Häuser und Gärten plante. Das Cottage-Servitut (grundbücherlich verankert beim jeweiligen Objekt,  lt. den Erklärungen meiner ehemaligen Nachbarin) sah bestimmte Baubeschränkungen und Bauvorschriften vor, um den Bewohnern eine bestimmte Wohn- und Lebensqualität zu sichern. Es war eine Besonderheit seiner Zeit und soll auch heute noch den Erhalt der besonderen Wohnqualität dieses Stadtviertels sichern. Ursprünglich waren es eher einfache bürgerliche Familienhäuser, die gebaut wurden. Doch schon bald entdeckte das Großbürgertum die Vorteile des Wohnens im Grünen. Die Häuser und Gärten wurden größer, Villen und parkähnliche Gärten entstanden. Die Augen des aufmerksamen Spaziergängers können diese Entwicklung noch immer gut nachvollziehen.

Was charakterisiert heute das „Kóttetsch“?

  • einfache bürgerliche Wohnhäuser und großzügige Villen
  • gepflegte Gärten (mitunter in der Größe eines kleineren Parks), häufig mit altem Baumbestand
  • leider auch die eine oder andere Bausünde aus den 70iger und 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts
  • ruhige Wohngebiete ohne Industrie- oder größere Gewerbezonen
  • öffentliche Grünflächen, kleinere bis größere Parkanlagen

Dem 1872 vom Architekten Heinrich Ferstl ins Leben gerufenen Wiener Cottage Verein ist es bis in die Gegenwart ein Anliegen, dass die besondere Wohn- und Lebensqualität des Viertels in Währing und Döbling für die ca. 6000 Bewohner*innen erhalten bleibt.

Entdecken Sie das Währinger und Döblinger Cottage-Viertel

Tipp: Wählen Sie einen nicht zu heißen, aber sonnigen Tag für den Ausflug ins „Kotèesch“.  Gehen Sie auf jeden Fall zu Fuß. Nehmen Sie sich ca. drei Stunden Zeit für das Erkunden und vergessen Sie nicht, den Fotoapparat mitzunehmen!

Wo Sie Ihre Tour am besten beginnen? Was ist sehenswert? Fast jede Straße, fast jede Gasse ist einen Besuch wert. Daher empfehle ich Ihnen, zwischen Gymnasiumstraße, Haizingergasse, Türkenschanzpark und Peter Jordan-Straße jeden Straßenzug mit offenen Augen zu durchqueren. Zu entdecken gibt es u.a. die ehemalige Villa von Arthur Schnitzler, das ehemalige Cottage-Sanatorium, die ehemalige Villa von Peter Alexander und Emmerich Kálmán. Die Hausfassade von Colloredogasse 30 wird Sie zu Recht an den Maler Arik Brauer erinnern. Die Bücher „Josefine Mutzenbacher“ und „Bambi, eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ stammen aus der Feder von Felix Salten, der in der Cottagegasse wohnte.

Tipp: Durchstreifen Sie das Viertel einmal waagrecht und einmal senkrecht, dann entgeht Ihnen kein „Cottage-Juwel“.

Sie wollen mehr wissen?

Ich habe Ihr Interesse geweckt? Sie möchten gern mehr Informationen über diesen Stadtteil von Wien, über die Bauten, Erbauer, Bewohner*innen des Währinger und Döblinger Cottage-Viertels? Dann empfehle ich Ihnen, folgende Seiten im Internet zu besuchen:

Wiener Cottage Verein https://www.cottageverein.at/2016/

Wien Geschichte Wiki  https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Cottageviertel

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Cottageviertel

Das Cottageviertel – ein einzigartiger Stadtteil (Video youtube, WienErLeben)

Haben auch Sie neue Entdeckungen in Ihrem Grätzl gemacht? Wir freuen uns auf Ihre Geschichten! Schreiben Sie uns gerne unter: info@mobilitäts-scouts.at

Quellen:

Hinweise von Bewohner*innen des Viertels und Erzählungen ehemaliger NachbarInnen

Wiener Cottage Verein https://www.cottageverein.at/2016/

Wien Geschichte Wiki  https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Cottageviertel

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Cottageviertel